Sehr geehrter Herr Hacker

Sabine Baumann
, Do 08.03.18

«Ich muss Ihnen schreiben, Herr Hacker.» - Hacker? Ich weiss überhaupt nicht, wie Sie heissen; ich kenne Sie nicht einmal, aber ich finde, «Hacker» könnte passen. (weiss gar nicht, warum; Psychologie habe ich jedenfalls nicht studiert.)

Also, Herr Hacker, Sie haben mir am vergangenen Dienstag gründlich das Frühstück verdorben. Das fand ich schade, weil ich das Frühstück immer besonders geniesse und einen  gemütlichen Start in einen beschwingten Tag möchte. Aber als ich in der Konsumentensendung «Espresso» hörte, was Sie von sich gegeben hatten, blieb mir der Bissen Zopf im Hals stecken.

Danach war ich wieder einmal so empört über Ungerechtigkeiten in diesem Land, in diesem System, das sich Sozialversicherungssystem nennt, dass ich keine Lust auf Zopf und Kaffee mehr hatte, sondern sofort beschloss, über Sie und Ihre diskriminierenden Aussagen einen Text zu schreiben.

Da bin ich jetzt dran. Es ist Freitag; meine Woche war gut, aber meine Wut über solche Gemeinheiten wie diejenige von Ihnen ist kein bisschen verblasst. Sie arbeiten als Vertrauensarzt bei einer Krankenversicherung. An dieser Stelle kann ich es mir nicht verkneifen zu erwähnen, dass die richtigen Ärzte und Ärztinnen - das sind für mich diejenigen, die ihren Beruf aus Liebe zur Medizin und aus Liebe zu den Menschen gelernt haben… - leider wenig Erfreuliches über Ihre Gilde zu berichten haben.

«Das sind oft schlechte Ärzte», habe ich immer wieder gehört, «solche, die in einer Praxis oder einem Spital gar nicht arbeiten könnten und daher in einem Versicherungsjob untergebracht werden, wo sie einfach Akten studieren müssen oder diese bei Erhalt gleich kübeln.» - «Das sind oft Bürokratentypen, die diesen Weg wählen.», hat ein Internist mal zu mir gesagt. «Die sitzen an allen Ecken, täglich haben wir am Telefon Schwierigkeiten mit ihnen und wegen ihnen.», fuhr er fort.

Sie, Herr Hacker, sitzen auch an irgendeiner Ecke und hatten zu beurteilen, ob die Versicherung, für die Sie arbeiten - Sie sind unabhängig, nicht?! -, die Ohrenkorrektur eines behinderten Knaben übernehmen soll. Sie fanden - wer hätte das gedacht - «nein» und begründeten Ihre Ablehnung wie folgt: «Dass der Knabe im kindlichen Umfeld gehänselt wird, ist zu erwarten. Aufgrund seines Grundleidens ist er jedoch sowieso in einer sozialen Aussenseiterposition. Dass sich das äussere Erscheinungsbild in Richtung einer zusätzlichen psychischen Erkrankung entwickeln könnte, ist rein spekulativ und meines Erachtens bei einer Intelligenzminderung eher unwahrscheinlich.»

Der «Espresso»-Moderator meinte, nachdem er Ihr Gefasel kurz in Schweizerdeutsch zusammengefasst hatte, nur noch: «Wie bitte?» Ich machte meiner Empörung mal kurz in den sozialen Medien Luft, wollte es mir aber nicht nehmen lassen, Ihnen einen Text zu widmen. Diesen hier.

Wissen Sie, was mich am meisten beschäftigte und immer noch beschäftigt? Wie es den Eltern dieses Knaben ging, als sie Ihre Begründung zu lesen bekamen. Was sie dachten. Was sie fühlten. Wie sie sich vorkamen. Ob sie ebenfalls wütend wurden. Oder verzweifelt waren. Oder traurig. Ob sie weinten. Was sie zueinander sagten. Ob sie Menschen haben, mit denen sie über solche Schandtaten reden können. Wie sie mit solch pathologisch empathielosen Äusserungen umgehen. Was sie alles schon durchgemacht haben - in Bezug auf die Behinderungen ihres Kindes, vor allem aber in Bezug auf verständnis- und rücksichtslose Zeitgenossen. Wie sie all die zusätzlichen Belastungen tragen und ertragen.

Und warum es solche Leute wie Sie gibt, Herr Hacker, die im Namen der Versicherungen, im Namen des Profits, im Namen des heiligen Mammon vor nichts zurückschrecken. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie so etwas schreiben, wenn Sie kranke, verletzte oder behinderte Menschen so richtig in die Pfanne hauen? Geht überhaupt etwas in Ihnen vor?

Aber eben: Ich hab ja nicht Psychologie studiert. Ich weiss nur: Sie hätten wenig zu befürchten, wenn Sie angeklagt würden. Dann müsste ein weiterer Gutachter Ihr Gutachten begutachten. Doch eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. - «Herr Hacker.»

(Anmerkung: Die Versicherung entschuldigte sich später bei den Eltern und übernahm die Kosten für die Ohrenkorrektur. So läuft es aber in den seltensten Fällen. Und die Verletzungen sind wohl nicht rückgängig zu machen…)

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