Nachruf zum Tod von Pfarrer Ernst Sieber

Sabine Baumann
, Mo 28.05.18

«Wenn ich etwas ein erfülltes Leben nenne, dann das.», postete ich am Pfingstmontagabend auf Facebook. «Nicht der Audi, nicht der BMW, nicht der Tesla, sondern das.», schrieb ich weiter und teilte einen Artikel aus dem Tages Anzeiger, in dem über Pfarrer Ernst Siebers Leben und Lebenswerk berichtet wird. Dann teilte ich einen zweiten Artikel zum Tod von Ernst Sieber und schrieb dazu: «Zürich ist um ein grosses Stück ärmer geworden, die Schweiz ist (noch) ärmer geworden.»

Noch ärmer? Ja, noch ärmer: Die Schweiz ist in Bezug auf Menschlichkeit und «Sozialsystem» ein armes Land. Ein Land, das sich zwar immer und überall als Sozialstaat ausgibt, in Wirklichkeit aber keiner ist. Das zu erkennen, setzt ein gewisses Mass an Erfahrungen und Reife voraus; es zu benennen, verlangt Scharfsinn; sich dagegen zu wehren, braucht Stärke und eine Portion Energie; sich mit ganzem Herzen und aller Kraft für die Menschen, denen eben diese Energie fehlt und die unter einem bürokratisch und oft menschenverachtend geführten «Sozialsystem» leiden, einzusetzen, braucht(e) Ernst Sieber.

Ein Sozialsystem, das damit anfängt, dass sogenannte Vertrauensärzte in Abhängigkeit von den Versicherungen, für die sie arbeiten, vor nichts zurückschrecken, um kranke oder verletzte Menschen gesundzuschreiben. Das damit weitergeht, dass die IV einem arbeits- und umschulungswilligen Koch, der nach einer Operation einen eingeschränkten Geschmackssinn hat und sich umschulen lassen möchte und muss, die Kostenübernahme für die Umschulung verwehrt (Quelle: «Espresso» vom 28. Mai 2018). Und das damit aufhört, dass eine Mutter von vier Kindern, die ihrem gewalttätigen Ehemann entronnen ist, einen aggressiven Gebärmutterhalskrebs überlebt hat und gerne wieder als Köchin arbeiten würde, bei der Gemeinde auf keinerlei Verständnis, keinerlei Kulanz, keinerlei Unterstützung stösst, sondern eine immer noch billigere Wohnung suchen muss, damit die Gemeinde auch nur Anstalten macht, ihr das Minimum vom Minimum zuzusprechen (Quelle: «Beobachter» Nr. 8 vom 13. April 2018).

Für solche Menschen war Ernst Sieber da. Für solche, die auf Ablehnung stiessen und abgewiesen wurden. Für solche, die sich nicht aus eigener Kraft wehren konnten, denen die Ressourcen dazu fehlten. Für Randständige, Drogenabhängige, Süchtige, Obdachlose. Für Menschen, die in diesem ach so sozialen Land keinen Platz haben, durch die Maschen gefallen sind und ohne Siebers Sozialwerke untergegangen wären.

Er war ein Mann der Tat: unkonventionell und kompromisslos. Und genau das gefiel mir so an ihm, bewunderte ich so an ihm: diese Authentizität, diese Ehrlichkeit, diese bedingungslose Hingabe an das, was er tat, wozu er berufen war.

Diese Leidenschaft, diese Herzlichkeit, diese Wärme, die diesem Land leider nicht nur im Winter fehlen. Dieses Ausbrechen aus der bequemen und langweiligen Komfortzone, dieser Mut, sich zu exponieren, anzuecken, Grenzen auszuloten und sich nie zu schade zu sein, die gesetzten Ziele zu verfolgen und sämtliche Hindernisse, allen voran die Bürokratie und die Unmenschlichkeit, die der Bürokratie innewohnt, zu überwinden:

Nicht für sich selbst, nicht für die eigene Familie, nicht für gut zahlende Klienten und reiche Herrschaften. Nicht aus Profitgier, nicht aus Geltungsdrang, sondern aus dem wahrhaftigen Glauben und der wahrhaftigen Überzeugung heraus, sein Leben in den Dienst der Schwachen und Vernachlässigten zu stellen. Tag und Nacht - vorbehaltlos, vorurteilslos.

Als ich am Pfingstmontag im Zug nach Zürich fuhr, fuhr ich in eine andere Stadt. In eine, die trotz wunderbarer Maisonne kälter geworden war.

Was die Schweiz braucht, was die Welt braucht, sind Menschen wie ihn. Keine News im Stundentakt, keine Postings von Statussymbolen, auch nicht all die Fotos von all den permanent-glücklichen, permanent-erfolgreichen Supercoolen oder Superschönen. Sie geben ein unsagbar oberflächliches, gekünsteltes und gefaktes Bild vom Leben ab, das keinem einzigen Menschen - ausser vermeintlich den Postenden selbst - etwas nützt.

Was für einen krassen Gegensatz dazu die Bilder von Pfarrer Sieber bilden und wie sie mich und wohl all die vielen, vielen Menschen, die sich zu seinem Tod geäussert haben, im Innersten berühren, kann ich auch nicht beschreiben.

Ich weiss nur, dass Zürich, die Stadt, die ich liebe, für mich über Pfingsten eine andere geworden ist und dass wir alles daran setzen sollten, Pfarrer Siebers Geist und Werke weiterleben und weiterblühen zu lassen. Nicht mit einem schnellen «R.I.P.», nicht mit Pathos. Sondern ganz in seinem Sinne mit Taten: miteinander reden, zuhören, da sein füreinander. Sich jeden Morgen vornehmen, mindestens einem Menschen etwas Gutes zu tun. Einspringen und helfen, wenn andere in Not sind. Jeder auf seine, jede auf ihre Weise, im Kleinen wie im Grösseren.

Ein erfülltes Leben ist kein Leben mit Haus, Zweitwohnung, teurem Auto und möglichst viel Luxus. Ein erfülltes Leben ist ein Leben, in dem für andere Menschen und für Begegnungen viel Raum und viel Zeit war.

Die Redewendung «Jeder ist seines Glückes Schmied» mag einen wahren Kern enthalten, ist aber angesichts der dem Menschen eigenen Beschränktheit, die unsere Leistungs- und Spassgesellschaft auf unbeholfene und anmassende Weise zu leugnen versucht, im besten Fall arrogant und naiv, angesichts des menschlichen Leidens in allen erdenklichen und unerdenklichen Formen auf dieser Welt geradezu zynisch.

Ernst Sieber muss den Zynismus in besagter Redewendung früh erkannt haben und setzte sich bedingungslos ein für diejenigen, die ihr Glück eben nicht schmieden konnten - aus den vielfältigsten Gründen, für die sich nichts konnten. 2013 erhielt er von der Stadt Zürich das Staatssiegel in Form einer Ehrenmedaille und 2017 den Lifetime Award Prix Courage des «Beobachters». Dieser hatte erkannt, dass ein «normaler» Prix Courage niemals ausreichen würde, um Siebers Lebenswerk gebührend zu würdigen.

Eigene Erfahrungen haben mich längst an einen Punkt gebracht, wo ich im Innersten weiss, dass Luxus und Statussymbole vom Sinn des Lebens weit entfernt sind und dass ich nie zu denjenigen gehören möchte, die kurz vor dem eigenen Tod bereuen, viel zu viel Zeit für Unwesentliches und viel zu wenig Zeit für Wesentliches eingesetzt zu haben. Ernst Siebers Tatkraft im Dienste der Benachteiligten in einer gehetzten und oberflächlich orientierten Gesellschaft verdient höchste Achtung. Alle Menschen, die eigene Nachteile in Kauf nehmen, um anderen Menschen zu helfen, verdienen höchste Achtung.

Heute Morgen habe ich am Radio gehört, dass seine Nachfolger seine Werke nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar ausbauen wollen. Ich hoffe so sehr, dass ihnen dies gelingt und dass sie sich vom kalten Wind, der ihnen in unserer ökonomisch gesteuerten Gesellschaft zweifellos entgegenwehen wird, nie unterkriegen lassen.

Gerade fahre ich wieder nach Zürich. In der Zuversicht, dass nicht nur eine Strasse oder ein Platz nach Ernst Sieber benannt wird, sondern sein Geist für immer in der Stadt weiterlebt und sie mitprägt.

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