Die Bomben der anderen

17.07.2020

AZ-Forum-Beitrag von Martin Spalinger,  Grüne Weinland, Andelfingen

Die Corona-Pandemie führt uns die Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaft vor Augen: Ein winzigkleines Virus belastet weltweit die Zivilisation! Daneben geraten drängende Themen aus dem Blickfeld, die für uns und unsere Umwelt auf diesem Planeten weit bedrohlicher sind. Zum Beispiel der Klimawandel, dessen katastrophale Folgen bereits heute zutage treten. Oder die Gefahr eines willentlich oder aus Versehen verursachten Atomkriegs.

Die Vernichtung der Menschheit durch einen Atomkrieg scheint aus unserer Weinländer Perspektive weit hergeholt. Die Schweiz hat keine Atomwaffen (obwohl sie deren Besitz bis 1988 mit rührender Naivität anstrebte). Auch im übrigen Europa sieht es entspannt aus: Keine bis an die Zähne bewaffneten Armeen stehen sich heute an Oder und Weichsel gegenüber, um die „Kapitalisten“ respektive „Kommunisten“ Mores zu lehren.

Doch der Schein trügt. Die Tiefkühltruhe der Weltpolitik ist wieder angeworfen; der kalte Friede wird weiter heruntergeregelt. Armeen werden modernisiert und hochgerüstet; Abrüstungsverträge werden gebrochen, laufen aus und werden nicht erneuert; neue Waffen werden entwickelt, getestet und stationiert. Es ist wieder salonfähig, laut über den Einsatz von Atomwaffen nachzudenken. In der Auseinandersetzung um die Krim war Russland 2014 bereit, Kernwaffen gegen „den Westen“ einzusetzen, wie Präsident Putin später eingestand. Und 2016 fragte US-Präsidentschaftskandidat Trump kindlich naiv: „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“

Die weltweit 13'400 Atomwaffen reichen locker, um alles Leben auf der Erde auszulöschen. Das finden die meisten natürlich „schlimm“. Doch hat die Atombombe nicht gerade wegen ihrer abschreckenden Wirkung seit 1945 den Dritten Weltkrieg verhindert?

Wer dieser irrsinnigen Logik folgt und Atomwaffen mit dem „Gleichgewicht des Schreckens“ rechtfertigt, hat nicht begriffen: Ein einziger menschlicher oder technischer Fehler genügt, um das nukleare Inferno in Gang zu setzen; dazu braucht es keinen tumben Staatsführer oder paranoiden General. Die Geschichte der Atombombe ist eine lange, lange Liste von kleinen Fehlern, Unfällen und Beinahkatastrophen. In Raketensilos gefallene Schraubenschlüssel, verlorene Atombomben, eine beinahe über eigenem Gebiet detonierte Wasserstoffbombe sind wenige Beispiele dafür.

2018 weigerte sich der Bundesrat, den von 122 Staaten getragenen, weltweiten Kernwaffenverbotsvertrag TPNW zu unterzeichnen. Zwar, wie er selbst sagt: Die Schweiz „teilt das Ziel einer Welt ohne Kernwaffen“. Weshalb folgt dem hehren Ziel nicht die griffige Politik? Denn keine Nuklearwaffe schützt unseren Lebensraum, sondern ist stets eine Waffe der Verzweiflung.

Das letzte Wort ist in dieser Sache zum Glück noch nicht gesprochen; auch Bundesräte sind (hoffentlich) lernfähig.