Abstimmungssonntag vom 4. März 2018

Sabine Baumann
, Mi 14.03.18

Die Stimmzettel waren eingeworfen; es war kurz vor zehn Uhr am vorletzten Sonntag. (Ich mags traditionell, und ich bin immer knapp dran, genau.) Unser Sohn (10 ½) schaute zu, wie die zwei «Nein» und das «Ja» in der Stimmurne verschwanden, und fragte: «Gaht das so schnäll?» «Ja», antworteten der junge Herr und die junge Dame beim Stimmlokal, «und es tuet au nöd weh.» «Weh tüend dänn villicht d Resultat…», gab ich zurück, und wir lachten zusammen.

Dann gingen wir nach Hause; jetzt blieb nur noch die Hoffnung. Auf dem Weg zum Stimmlokal hatte mir ein uns unbekannter Mann «gute Besserung» gewünscht (bin nach einer Operation am Fussgelenk mit Krücken unterwegs…) und mir ging - wieder einmal - durch den Kopf, wie wichtig solch kleine Gesten sind, wie viel sie ausmachen und wie sie unser Zusammenleben in der Gesellschaft bereichern. Sie sind eine Form von Solidarität, so quasi ihr Fundament. Wir alle sollten uns dessen täglich bewusst sein und täglich davon geben; und umso mehr wir geben, desto mehr haben wir. So ist es mit allem, was über das Materielle hinausgeht.

Um Solidarität ging es auch bei den Abstimmungen, vor allem bei der Initiative zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren und damit eines öffentlich-rechtlich finanzierten Rundfunkwesens. Sorgfältig recherchierter Journalismus und unabhängige Berichterstattungen wären wohl kaum noch möglich gewesen. Das hätte ich ganz schlimm gefunden - ich habe etwas gegen Abhängigkeiten (siehe dazu auch den Blogbeitrag «Sehr geehrter Herr Hacker»).

Klar, mag ich zum Beispiel die Ländlermusik am Samstagnachmittag nicht, aber heisst das, dass sie mich überhaupt nichts angeht? Geht es denn nur um mich? Warum soll ich nicht respektieren, dass andere diese Musik gerne hören? Und dass sie das, was ich höre, vielleicht nicht schätzen und trotzdem mitfinanzieren? Klar, verstehe ich von rätoromanischen Sendungen nicht so viel, dass ich wirklich folgen kann - trotz fliessendem Latein; aber heisst das, dass wir diese Sprache noch mehr in die Ecke drängen und unsere wunderbare Vielfalt bedrohen sollen?

Ich hatte mich also auf einen angespannten Tag zu Hause vor dem Radio eingestellt. Aber schon um die Mittagszeit - ich überlegte gerade, ob «Bestseller auf dem Plattenteller» vor lauter Abstimmungs- und Wahlkampf ausfallen würde - kam die grosse Erleichterung: «Nein»-Trend bei «No Billag» und kurz darauf bereits der Bescheid, dass die Initiative keine Chance haben würde. Im Verlaufe des Nachmittags dann das definitive Resultat: mit 71,6% und in sämtlichen Kantonen abgelehnt.

Medienministerin Doris Leuthard sprach von einer Klatsche, einem Absturz. Die Initianten (auch die Kessler genannt) sahen sich trotzdem als Sieger - so ist das doch irgendwie immer (?!) - und Martin Candinas, CVP-Nationalrat, meinte, sofort zitiert im Feuilleton der «Frankfurter Allgemeinen»: «Ein Freudentag für die Schweiz.» (Wie das die SVP sieht, der es ja immer ganz fest um die Schweiz geht, weiss ich nicht.)

Wir waren nicht nur froh über die deutliche Ablehnung einer Initiative, die einzig von der SVP unterstützt worden war - wie diese Partei «Solidarität» definiert und was sie zu Abhängigkeiten an allen Ecken und Enden meint, weiss ich ebenfalls nicht, fühle mich aber immer wieder an Darwins Evolutionstheorie erinnert: weg mit allen Schwächeren und Schwachen -, sondern freuten uns überdies über die Wahlresultate in Winterthur und in der Stadt Zürich: Ein grosser Erfolg für die SP und die GP, und ich möchte es nicht versäumen, an dieser Stelle Corine Mauch, Daniel Leupi und Karin Rykart herzlich zu gratulieren. (Auch zur Panaschierkönigin natürlich. Unsere Kinder fragten: «Was isch dänn das, ä Passagierkönigin?»)

Die Erleichterung hält an. Aber etwas muss ich jetzt doch noch zugeben: Wenn auf SRF 1 «Sölli, sölli ni?» von Natacha erklingt, muss ich sofort auf Radio 1 umschalten. Da läuft dann zum Beispiel «Oh Carol» von Smokie…
Oder Werbung.

 

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