1. August-Feier Uster 2015, Rede von Thomas Wüthrich

Sehr geehrte Ustermerinnen und Ustermer 
Sehr geehrter Herr Ständerat Minder

Es ist mir eine Ehre und Freude zugleich mit Ihnen zusammen die diesjährige Bundesfeier eröffnen zu dürfen. Sie bekommen es heute gleich mit zwei Thomassen zu tun. Diese sind ja seit biblischen Zeiten dafür bekannt, dass sie Dinge nicht glauben, die sie nicht mit eigenen Augen gesehen haben.

Ein Erlebnis dieser Art hatte ich im April dieses Jahres als die Medien vermeldeten, die Schweiz sei das glücklichste Land der Welt.

Da sind mir Gedanken durch den Kopf gegangen, die dem zu widersprechen schienen:

Der Entscheid unserer Nationalbank sorgt für nachhaltige Verunsicherung. Zahlreiche Menschen in unserem Land fürchten heutzutage um ihren Arbeitsplatz.

Der Konflikt in der Ukraine ist erschreckend nah und dass das, was in Griechenland passiert, in Europa überhaupt möglich ist, hätte man vor 5 Jahren wohl nicht im Entferntesten gedacht.

Der unablässige Flüchtlings- und Migrantenstrom aus dem Süden stellt die Schweiz aber vor allem auch Europa vor grosse Herausforderungen.

In der Schweiz töten sich jährlich dreimal mehr Menschen als es Verkehrstote gibt.

Und schliesslich ist bekannt, dass der Anteil der reichsten 10% der Schweiz am Gesamteinkommen in den letzten 20 Jahren von gut einem Viertel auf gut ein Drittel zugenommen hat. Die Einkommensschere öffnet sich also stetig.

Glück ist also offensichtlich auch etwas Relatives. Und es kommt darauf an was man als Glück definiert.

Man kann Glück als Summe von positiven und negativen Momenten betrachten. Ist das Endergebnis positiv, dann sind wir glücklich. Überwiegen die negativen Momente sind wir unglücklich. Bei Umfragen dieser Art schneiden Länder wie Nigeria, Mexico oder Puerto Rico immer gut ab

Oder wir fragen die Menschen, wie zufrieden sie mit ihrem bisherigen Leben sind. Hier spielen dann Themen wie Gesundheit, Bildung und Lebensstandard ein zentrale Rolle. Und hier schneiden Länder wie die Schweiz sehr gut ab.

In der Frage nach dem Glück fasziniert mich der Ansatz den das kleine Königreich Bhutan im Himalaya wagt.

Die dortige Regierung ist der Ansicht, dass das Bruttoinlandprodukt, also der Wert aller in einem Jahr erbrachten Leistungen und Produkte, wenig über das Glück der Bevölkerung aussagt.

Als Alternative zum Wirtschaftswachstum verfolgt die Regierung eine Politik, die zur Mehrung des Bruttoinland-Glücks beiträgt. Dafür gibt es ein eigenes Ministerium. Und in einer landesweiten Studie wird versucht, Messgrössen zu definieren, die das Glück der Bevölkerung statistisch darstellen können.

Auf Antrag von Bhutan verabschiedete die UNO-Generalversammlung 2011 eine Resolution, die das Streben nach Glück als grundlegendes menschliches Ziel anerkennt und feststellt, dass dieses Ziel eben nicht durch das BIP wiedergegeben wird.

Dass der Mensch nach Glück strebt, ist eigentlich eine Binsenwahrheit.

Und vor diesem Hintergrund ist der Rütlischwur für mich vor allem ein Akt der Solidarität. Dabei spielt es nicht nicht so eine Rolle gegen wen oder wofür dieses Bündnis geschworen wurde. Wichtig ist die Tatsache, dass man gemeinsam versucht hatte, die eigene Situation zu verbessern.

Inzwischen ist die Welt ein globales Dorf geworden. Wir wissen alles voneinander, sind abhängig voneinander und sind aufeinander angewiesen. In einem Dorf löst man die Probleme miteinander und arbeitet nicht gegeneinander.

Darum wünsche ich Ihnen und mir – durchaus auch im Sinn der christlichen Nächstenliebe –  auf dem Weg zum Glück vor allem auch eines: eine gelebte Solidarität, im Kleinen wie im Grossen.

 

No en gfröite 1. Auguscht!

 

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.